Ecclesia de
Eucharistia
Enzyklika von
Papst Johannes Paul II. an die Bischöfe, an die Priester und
Diakone, an die geweihten Personen und an alle Christgläubigen über
die Eucharistie in ihrer Beziehung zur Kirche
Einleitung
1. Die Kirche lebt
von der Eucharistie. Diese Wahrheit drückt nicht nur eine alltägliche
Glaubenserfahrung aus, sondern enthält zusammenfassend den Kern
des Mysteriums der Kirche. Mit Freude erfährt sie unaufhörlich,
dass sich auf vielfältige Weise die Verheißung erfüllt: „Seid
gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt
28, 20). In einzigartiger Intensität erfreut sie sich dieser
Gegenwart jedoch in der heiligen Eucharistie, bei der Brot und
Wein in Christi Leib und Blut verwandelt werden. Seitdem die
Kirche, das Volk des Neuen Bundes, am Pfingsttag ihren Pilgerweg
zur himmlischen Heimat begonnen hat, prägt dieses göttliche
Sakrament unaufhörlich ihre Tage und erfüllt sie mit
vertrauensvoller Hoffnung.
Mit Recht hat das
Zweite Vatikanische Konzil verkündet, dass das eucharistische
Opfer „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“
(1) ist. „Die heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der
Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm
und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen
Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das
Leben.“ (2) Deshalb ist der Blick der Kirche fortwährend auf
den Herrn gerichtet, der gegenwärtig ist im Sakrament des
Altares, in dem sie den vollkommenen Ausdruck seiner unendlichen
Liebe entdeckt.
2. Während des Großen
Jubiläums des Jahres 2000 durfte ich die Eucharistie im
Abendmahlssaal in Jerusalem feiern, dort, wo sie nach der Überlieferung
zum erstenmal von Christus selbst vollzogen wurde. Der
Abendmahlssaal ist der Ort der Einsetzung dieses heiligsten
Sakramentes. Dort nahm Christus das Brot in seine Hände, brach es
und gab es seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmet und esset
alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“
(vgl. Mt 26, 26; Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24). Dann nahm er den Kelch
mit Wein in seine Hände und sagte zu ihnen: „Nehmet und trinket
alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein
Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der
Sünden“ (vgl. Mk 14, 24; Lk 22, 20; 1 Kor 11, 25). Ich bin dem
Herrn Jesus dankbar, dass ich an diesem Ort in Gehorsam gegenüber
seinem Auftrag „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22, 19)
die Worte wiederholen durfte, die er vor zweitausend Jahren
gesprochen hat.
Haben die Apostel,
die beim Letzten Abendmahl teilnahmen, den Sinn der Worte aus dem
Mund Christi verstanden? Wahrscheinlich nicht. Diese Worte sollten
erst am Ende des Triduum sacrum, des Zeitraums vom Donnerstagabend
bis zum Sonntagmorgen, ganz klar werden. In diese Tage ist das
mysterium paschale eingeschrieben, in sie ist auch das mysterium
eucharisticum eingeschrieben.
3. Aus dem
Ostermysterium geht die Kirche hervor. Genau deshalb steht die
Eucharistie als Sakrament des Ostermysteriums schlechthin im
Mittelpunkt des kirchlichen Lebens. Das sieht man bereits an den
ersten Bildern für die Kirche, die uns in der Apostelgeschichte
überliefert werden: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest
und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den
Gebeten“ (Apg 2, 42). Im „Brechen des Brotes“ ist die
Eucharistie angedeutet. Nach zweitausend Jahren verwirklichen wir
noch immer dieses ursprüngliche Bild für die Kirche. Und während
wir dies in der Eucharistiefeier tun, richten sich die Augen
unserer Seele auf das österliche Triduum: auf das, was sich während
des Letzten Abendmahls am Gründonnerstag ereignete, und was
danach folgte. Die Einsetzung der Eucharistie nahm in der Tat auf
sakramentale Weise die Ereignisse vorweg, die sich, beginnend mit
der Todesangst in Getsemani, kurz darauf zutragen sollten.
Wiederum sehen wir Jesus, der den Abendmahlssaal verlässt und mit
seinen Jüngern in das Tal hinabsteigt, um den Bach Kidron zu überqueren
und zum Garten am Ölberg zu gelangen. In diesem Garten sind noch
heute einige uralte Olivenbäume. Vielleicht waren sie Zeugen der
Ereignisse, die sich an jenem Abend in ihrem Schatten zugetragen
haben, als Christus im Gebet von Todesangst ergriffen und sein
Schweiß „wie Blut“ wurde, „das auf die Erde tropfte“ (Lk
22, 44). Das Blut, das er kurz zuvor im Sakrament der Eucharistie
der Kirche als Trank des Heiles übergeben hatte, begann vergossen
zu werden. Das Vergießen seines Blutes sollte sich dann auf
Golgota vollenden, um das Werkzeug unserer Erlösung zu werden:
„Christus [...] ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter;
[...] er ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen,
nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit
seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt“
(Hebr 9, 11–12)
4. Die Stunde
unserer Erlösung. Obgleich unsagbar geprüft, flieht Jesus nicht
vor seiner „Stunde“: „Was soll ich sagen: Vater, rette mich
aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde
gekommen!“ (Joh 12, 27). Er möchte, dass die Jünger bei ihm
bleiben, muss aber Einsamkeit und Verlassenheit erfahren:
„Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und
betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet“ (Mt 26, 40–41).
Nur Johannes bleibt mit Maria und den frommen Frauen unter dem
Kreuz. Die Todesangst in Getsemani hat die Todesangst des Kreuzes
am Karfreitag eingeleitet: die heilige Stunde, die Stunde der Erlösung
der Welt. Wenn man die Eucharistie am Grab Jesu in Jerusalem
feiert, kehrt man in fast greifbarer Weise zu seiner „Stunde“
zurück, zur Stunde des Kreuzes und der Verherrlichung. An diesen
Ort und in diese Stunde kehrt in geistlicher Weise jeder Priester
zurück, der die heilige Messe feiert, und mit ihm die christliche
Gemeinde, die daran teilnimmt.
„Gekreuzigt,
gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am
dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Die Worte des
Glaubensbekenntnisses finden ein Echo in den Worten der
Betrachtung und der Verkündigung: „Ecce lignum crucis in quo
salus mundi pependit. Venite adoremus“. Diese Einladung richtet
die Kirche am Nachmittag des Karfreitags an alle Menschen. Während
der Osterzeit nimmt sie ihren Gesang wieder auf und verkündet:
„Surrexit Dominus de sepulcro qui pro nobis pependit in ligno.
Alleluia.“
5. „Mysterium
fidei! – Geheimnis des Glaubens!.“ Auf diese Worte, die vom
Priester gesprochen oder gesungen werden, antworten die
Mitfeiernden: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine
Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Mit diesen oder ähnlichen
Worten weist die Kirche auf Christus im Geheimnis seines Leidens
hin und offenbart darin auch ihr eigenes Mysterium: Ecclesia de
Eucharistia. Wenn die Kirche mit der pfingstlichen Gabe des
Heiligen Geistes ans Licht tritt und sich auf die Straßen der
Welt begibt, so ist ein entscheidender Moment ihrer Entstehung
sicherlich die Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal. Ihr
Fundament und ihre Quelle ist das gesamte Triduum paschale. Dieses
aber ist in der eucharistischen Gabe gewissermaßen gesammelt,
vorweggenommen und für immer „konzentriert.“ In dieser Gabe
übereignete Jesus Christus der Kirche die immerwährende
Vergegenwärtigung des Ostermysteriums. Mit ihr stiftete er eine
geheimnisvolle „Gleichzeitigkeit“ zwischen jenem Triduum und
dem Gang aller Jahrhunderte.
Dieser Gedanke
weckt in uns ein großes und dankbares Staunen. Im Ostergeschehen
und in der Eucharistie, die es durch die Jahrhunderte hindurch
gegenwärtig macht, liegt ein enormes „Potenzial“, in dem die
ganze Geschichte als Adressat der Erlösungsgnade enthalten ist.
Dieses Staunen muss die Kirche immer ergreifen, wenn sie sich zur
Feier der Eucharistie versammelt. Aber in besonderer Weise muss es
den Spender der Eucharistie begleiten. Dank der Gnade, die ihm
durch das Sakrament der Priesterweihe verliehen wurde, kann er die
Wandlung vollziehen. Er spricht mit der Vollmacht, die ihm von
Christus aus dem Abendmahlssaal zukommt: „Das ist mein Leib, der
für euch hingegeben wird... Das ist der Kelch des neuen und
ewigen Bundes, mein Blut, das für euch vergossen wird....“ Der
Priester spricht diese Worte und stellt seinen Mund und seine
Stimme jenem zur Verfügung, der diese Worte im Abendmahlssaal
gesprochen hat, und der wollte, dass sie von Generation zu
Generation von all denen wiederholt werden, die in der Kirche
durch die Weihe an seinem Priestertum teilhaben.
6. Dieses
„Staunen“ über die Eucharistie möchte ich mit der
vorliegenden Enzyklika neu wecken, und zwar in Fortführung jenes
Erbes des Jubiläums, das ich der Kirche mit dem Apostolischen
Schreiben Novo millennio ineunte und mit seiner marianischen Krönung
Rosarium Virginis Mariae übergeben wollte. Das Antlitz Christi
betrachten und es mit Maria betrachten, ist das „Programm“,
auf das ich die Kirche am Beginn des dritten Jahrtausends
hingewiesen habe und mit dem ich sie einlade, mit Enthusiasmus für
die Neuevangelisierung auf das Meer der Geschichte hinauszufahren.
Christus betrachten bedeutet ihn erkennen, wo immer er sich zeigt,
in den vielfältigen Formen seiner Gegenwart, vor allem aber im
lebendigen Sakrament seines Leibes und seines Blutes. Die Kirche
lebt vom eucharistischen Christus. Von ihm wird sie genährt, von
ihm wird sie erleuchtet. Die Eucharistie
ist Geheimnis des Glaubens und zugleich „Geheimnis des
Lichtes.“ (3) Jedesmal, wenn die Kirche sie feiert, können die
Gläubigen in gewisser Weise die Erfahrung der beiden Emmausjünger
machen: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“
(Lk 24, 31).
7. Seit Beginn
meines Dienstes als Nachfolger Petri habe ich dem Gründonnerstag,
dem Tag der Eucharistie und des Priestertums, immer besondere
Aufmerksamkeit geschenkt und ein Schreiben an alle Priester der
Welt gerichtet. In diesem fünfundzwanzigsten Jahr meines
Pontifikates möchte ich die gesamte Kirche in vertiefter Weise an
dieser eucharistischen Betrachtung teilhaben lassen. Dabei möchte
ich dem Herrn auch für das Geschenk der Eucharistie und des
Priestertums danken: „Geschenk und Geheimnis.“ (4) Wenn ich
mit der Ausrufung des Rosenkranzjahres dieses fünfundzwanzigste
Jahr meines Pontifikates unter das Zeichen der Betrachtung Christi
in der Schule Mariens stellen wollte, kann ich diesen Gründonnerstag
2003 nicht verstreichen lassen, ohne vor dem „eucharistischen
Antlitz“ Christi zu verharren und die Kirche mit neuer Kraft auf
die zentrale Bedeutung der Eucharistie hinzuweisen. Aus ihr lebt
die Kirche. Von diesem „lebendigen Brot“ nährt sie sich. Wie
sollte man da nicht die Notwendigkeit verspüren, alle
aufzufordern, diese Erfahrung stets neu zu machen?
8. Wenn ich an die
Eucharistie denke und dabei auf mein Leben als Priester, Bischof
und Nachfolger Petri blicke, erinnere ich mich spontan an die
vielen Gelegenheiten und die vielen Orte, an denen ich sie feiern
konnte. Ich erinnere mich an die Pfarrkirche von Niegowic, wo ich
meine erste pastorale Aufgabe erfüllte, an die Kollegiatskirche
des heiligen Florian in Krakau, an die Kathedrale auf dem Wawel,
an die Peterskirche und an die vielen Basiliken und Kirchen in Rom
und in der ganzen Welt. Ich konnte die heilige Messe in Kapellen
feiern, die sich an Gebirgspfaden, an Seeufern, an Meeresküsten
befinden; ich feierte sie auf Altären, die in Stadien oder auf
den Plätzen der Städte errichtet waren... Dieser so vielfältige
Rahmen meiner Eucharistiefeiern lässt mich deutlich erfahren, wie
universal und gleichsam kosmisch die heilige Messe ist. Ja,
kosmisch! Denn auch dann, wenn man die Eucharistie auf dem kleinen
Altar einer Dorfkirche feiert, feiert man sie immer in einem
gewissen Sinn auf dem Altar der Welt. Sie verbindet Himmel und
Erde. Sie umfasst und erfüllt alles Geschaffene. Der Sohn Gottes
ist Mensch geworden, um alles Geschaffene in einem höchsten Akt
des Lobes dem zurückzuerstatten, der es aus dem Nichts geschaffen
hat. Indem der ewige Hohepriester durch das Blut seines Kreuzes in
das ewige Heiligtum eintritt, erstattet er dem Schöpfer und Vater
die ganze erlöste Schöpfung zurück. Das tut er durch das
priesterliche Dienstamt der Kirche zur Ehre der heiligsten
Dreifaltigkeit. Dies ist das mysterium fidei, das in der
Eucharistie gegenwärtig wird: die Welt, die aus den Händen des
Schöpfergottes hervorgegangen ist, kehrt als von Christus erlöste
Welt zu Gott zurück.
9. Die Eucharistie
ist die heilbringende Gegenwart Jesu in der Gemeinschaft der Gläubigen
und ihre geistliche Nahrung, sie ist das wertvollste Gut, das die
Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte haben kann. So erklärt
sich die besondere Aufmerksamkeit, die sie dem eucharistischen
Mysterium immer entgegengebracht hat; eine Aufmerksamkeit, die in
verbindlicher Form in den Werken der Konzilien und der Päpste
sichtbar wird. Wie könnte man nicht die lehramtlichen Darlegungen
in den Dekreten über die heiligste Eucharistie und über das
heilige Messopfer bewundern, die das Konzil von Trient promulgiert
hat? Diese Dekrete haben in den nachfolgenden Jahrhunderten sowohl
die Theologie als auch die Katechese geleitet und sind noch immer
dogmatischer Bezugspunkt für die fortwährende Erneuerung und für
das Wachstum des Volkes Gottes im Glauben und in der Liebe zur
Eucharistie. Aus jüngerer Zeit sind drei Enzykliken zu nennen:
die Enzyklika Mirae Caritatis (28. Mai 1902) (5) von Leo XIII.,
die Enzyklika Mediator Dei (20. November 1947) (6) von Pius XII.
und die Enzyklika Mysterium Fidei (3. September 1965) (7) von Paul
VI.
Das Zweite
Vatikanische Konzil hat zwar kein eigenes Dokument über das
eucharistische Mysterium veröffentlicht. Es hat aber dessen
verschiedene Aspekte innerhalb des gesamten Bogens seiner
Dokumente beleuchtet, besonders in der dogmatischen Konstitution
über die Kirche Lumen gentium und in der Konstitution über die
heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium.
Ich selbst habe in
den ersten Jahren meines apostolischen Dienstes auf dem Stuhl
Petri mit dem Apostolischen Schreiben Dominicae Cenae (24. Februar
1980) (8) einige Aspekte des eucharistischen Mysteriums und seiner
Bedeutung im Leben derer behandelt, die seine Diener sind. Heute
greife ich dieses Thema wieder auf mit einem Herzen, das noch
tiefer ergriffen und von Dankbarkeit erfüllt ist und gleichsam
die Worte des Psalmisten widerhallen lässt: „Wie kann ich dem
Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat. Ich will den
Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn“ (Ps
116, 12–13).
10. Dieser Verkündigung
durch das Lehramt entspricht das innere Wachstum der christlichen
Gemeinschaft. Ohne Zweifel war die Liturgiereform des Konzils von
großem Gewinn für eine bewusstere, tätigere und fruchtbarere
Teilnahme der Gläubigen am heiligen Opfer des Altares. An vielen
Orten findet die Anbetung des heiligsten Sakramentes täglich
einen weiten Raum und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle
der Heiligkeit. Die andächtige Teilnahme der Gläubigen an der
eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes
Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen
jedes Jahr mit Freude erfüllt. Man könnte noch andere positive
Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie erwähnen.
Leider fehlt es
neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten. Es gibt Orte, an
denen der Kult der eucharistischen Anbetung fast völlig
aufgegeben wurde. In dem einen oder anderen Bereich der Kirche
kommen Missbräuche hinzu, die zur Schmälerung des rechten
Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare
Sakrament beitragen. Bisweilen wird ein stark verkürzendes Verständnis
des eucharistischen Mysteriums sichtbar. Es wird seines
Opfercharakters beraubt und in einer Weise vollzogen, als ob es
den Sinn und den Wert einer brüderlichen Mahlgemeinschaft nicht
übersteigen würde. Darüber hinaus wird manchmal die
Notwendigkeit des Amts-priestertums, das in der apostolischen
Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der
Eucharistie allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung
reduziert. Von da aus gibt es hier und da ökumenische
Initiativen, die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen
Praktiken verleiten, die der Disziplin widersprechen, mit der die
Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt. Wie sollte man nicht über
all dies tiefen Schmerz empfinden? Die Eucharistie ist ein zu großes
Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden.
Ich vertraue
darauf, dass diese Enzyklika wirksam dazu beitragen kann, die
Schatten nicht annehmbarer Lehren und Praktiken zu vertreiben,
damit das Mysterium der Eucharistie weiterhin in seinem vollen
Glanz erstrahle.
I. Geheimnis des
Glaubens
11. „In der
Nacht, da er ausgeliefert wurde“ (1 Kor 11, 23), hat der Herr
Jesus das eucharistische Opfer seines Leibes und seines Blutes
gestiftet. Die Worte des Apostels Paulus erinnern uns an die
dramatischen Umstände, in denen die Eucharistie entstanden ist.
Das Ereignis des Leidens und des Todes des Herrn ist unauslöschlich
in sie eingeschrieben. Die Eucharistie ist nicht nur eine
Erinnerung an dieses Ereignis, sondern seine sakramentale
Vergegenwärtigung. Sie ist das Kreuzesopfer, das durch die
Jahrhunderte fortdauert. (9) Diese Wahrheit kommt treffend in den
Worten zum Ausdruck, mit denen das Volk im lateinischen Ritus auf
den Ruf des Priesters „Geheimnis des Glaubens“ antwortet:
„Deinen Tod, o Herr, verkünden wir!.“
Die Kirche hat die
Eucharistie von Christus, ihrem Herrn, nicht als eine kostbare
Gabe unter vielen anderen erhalten, sondern als die Gabe
schlechthin, da es die Gabe seiner selbst ist, seiner Person in
seiner heiligen Menschheit wie auch seines Erlösungswerkes.
Dieses beschränkt sich nicht auf die Vergangenheit, denn
„alles, was Christus ist, und alles, was er für alle Menschen
getan und gelitten hat, nimmt an der Ewigkeit Gottes teil, steht
somit über allen Zeiten und wird ihnen gegenwärtig.“ (10)
Wenn die Kirche die
heilige Eucharistie, das Gedächtnis des Todes und der
Auferstehung ihres Herrn, feiert, wird dieses zentrale Mysterium
des Heils wirklich gegenwärtig und „vollzieht sich das Werk
unserer Erlösung.“ (11) Dieses Opfer ist für die Erlösung des
Menschengeschlechts so entscheidend, dass Jesus Christus es
vollbrachte und erst dann zum Vater zurückkehrte, nachdem er uns
das Mittel hinterlassen hatte, damit wir so daran teilnehmen können,
als ob wir selbst dabei gewesen wären. Jeder Gläubige kann auf
diese Weise am Opfer Christi teilnehmen und seine Früchte in
unerschöpflichem Maß erlangen. Das ist der Glaube, aus dem die
christlichen Generationen im Laufe der Jahrhunderte gelebt haben.
Diesen Glauben hat das Lehramt der Kirche unaufhörlich mit
freudiger Dankbarkeit für das unschätzbare Geschenk bekräftigt.
(12) Ich möchte noch einmal an diese Wahrheit erinnern und mich
mit euch, meine lieben Brüder und Schwestern, in Anbetung vor
dieses Mysterium begeben: das große Geheimnis, das Geheimnis der
Barmherzigkeit. Was hätte Jesus noch mehr für uns tun können?
In der Eucharistie zeigt er uns wirklich eine Liebe, die „bis
zur Vollendung“ (Joh 13, 1) geht, eine Liebe, die kein Maß
kennt.
12. Dieser Aspekt
universaler Liebe des eucharistischen Sakramentes gründet in den
Worten des Retters selbst. Bei der Einsetzung der Eucharistie
beschränkte er sich nicht darauf zu sagen: „Das ist mein
Leib…, das ist mein Blut“, sondern fügte hinzu: „der für
euch hingegeben wird…, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,
19–20). Er bekräftigte nicht nur, dass das, was er ihnen zu
essen und zu trinken gab, sein Leib und sein Blut war, sondern
brachte auch dessen Opfercharakter zum Ausdruck und ließ damit
sein Opfer, das einige Stunden später am Kreuz für das Heil
aller dargebracht werden sollte, auf sakramentale Weise gegenwärtig
werden. „Die Messe ist zugleich und untrennbar das Opfergedächtnis,
in welchem das Kreuzesopfer für immer fortlebt, und das heilige
Mahl der Kommunion mit dem Leib und dem Blut des Herrn.“ (13)
Die Kirche lebt
unaufhörlich vom Erlösungsopfer. Ihm nähert sie sich nicht nur
durch ein gläubiges Gedenken, sie tritt mit ihm auch wirklich in
Kontakt. Denn dieses Opfer wird gegenwärtig und dauert auf
sakramentale Weise in jeder Gemeinschaft fort, in der es durch die
Hände des geweihten Priesters dargebracht wird. Auf diese Weise
wendet die Eucharistie den Menschen von heute die Versöhnung zu,
die Christus ein für allemal für die Menschen aller Zeiten
erworben hat. In der Tat: „Das Opfer Christi und das Opfer der
Eucharistie sind ein einziges Opfer.“ (14) Das sagte kraftvoll
bereits der heilige Johannes Chrysostomus: „Wir opfern immer das
gleiche Lamm, und nicht heute das eine und morgen ein anderes,
sondern immer dasselbe. Aus diesem Grund ist das Opfer immer nur
eines. [...] Auch heute bringen wir jenes Opferlamm dar, das
damals geopfert worden ist und das sich niemals verzehren wird.“
(15)
Die Messe macht das
Opfer des Kreuzes gegenwärtig, sie fügt ihm nichts hinzu und
vervielfältigt es auch nicht. (16) Was sich wiederholt, ist die
Gedächtnisfeier, seine „gedenkende Darstellung“ (memorialis
demonstratio) (17), durch die das einzige und endgültige Erlösungsopfer
Christi in der Zeit gegenwärtig wird. Der Opfercharakter des
eucharistischen Mysteriums kann deswegen nicht als etwas in sich
Stehendes verstanden werden, unabhängig vom Kreuz oder nur mit
einem indirekten Bezug zum Opfer von Kalvaria.
13. Kraft ihrer
innigen Beziehung mit dem Opfer von Golgota ist die Eucharistie
Opfer im eigentlichen Sinn, und nicht nur in einem allgemeinen
Sinn, als ob es sich um eine bloße Hingabe Christi als geistliche
Speise an die Gläubigen handelte. Das Geschenk seiner Liebe und
seines Gehorsams bis zur Vollendung des Lebens (vgl. Joh 10,
17–18) ist in erster Linie eine Gabe an seinen Vater. Natürlich
ist es Gabe für uns, ja für die ganze Menschheit (vgl. Mt 26,
28; Mk 14, 24; Lk 22, 20; Joh 10, 15), aber dennoch vor allem Gabe
an den Vater: „ein Opfer, das der Vater angenommen hat, indem er
für die Ganzhingabe seines Sohnes, der ,gehorsam wurde bis zum
Tod‘ (Phil 2, 8), die ihm als Vater eigene Gabe zurückschenkte,
das heißt ein neues, ewiges Leben in der Auferstehung.“ (18)
Indem Christus der
Kirche sein Opfer schenkte, wollte er sich auch das geistliche
Opfer der Kirche zu eigen machen, die berufen ist, mit dem Opfer
Christi auch sich selbst darzubringen. Das lehrt uns das Zweite
Vatikanische Konzil im Hinblick auf alle Gläubigen: „In der
Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt
des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche
Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm.“ (19)
14. Das Pascha
Christi umfasst mit dem Leiden und dem Tod auch seine
Auferstehung. Daran erinnert die Akklamation des Volkes nach der
Wandlung: „Deine Auferstehung preisen wir.“ Tatsächlich macht
das eucharistische Opfer nicht nur das Mysterium vom Leiden und
Tod des Erlösers gegenwärtig, sondern auch das Mysterium der
Auferstehung, in der das Opfer seine Vollendung findet. Weil
Christus lebt und auferstanden ist, kann er sich in der
Eucharistie zum „Brot des Lebens“ (Joh 6, 35.48), zum
„lebendigen Brot“ (Joh 6, 51) machen. Daran erinnerte der
heilige Ambrosius die Neugetauften und wandte das Ereignis der
Auferstehung auf ihr Leben an: „Wenn heute Christus dein ist, so
steht er für dich jeden Tag von den Toten auf.“ (20) Der
heilige Cyrill von Alexandrien unterstrich seinerseits, dass die
Teilnahme an den heiligen Mysterien „ein wahres Bekenntnis und
ein wahres Gedächtnis daran sind, dass der Herr gestorben und zum
Leben zurückgekehrt ist für uns und für unser Heil.“ (21)
15. Die
sakramentale Vergegenwärtigung des durch die Auferstehung
vollendeten Opfers Christi in der heiligen Messe beinhaltet eine
ganz besondere Gegenwartsweise, die – um die Worte von Paul VI.
aufzugreifen – „,wirklich‘ genannt wird, nicht im ausschließlichen
Sinn, als ob die anderen Gegenwartsweisen nicht ,wirklich‘ wären,
sondern hervorhebend, weil sie substanziell ist und infolgedessen
den ganzen und vollständigen Christus, den Gottmenschen, gegenwärtig
macht.“ (22) So wird die immer gültige Lehre des Konzils von
Trient bekräftigt: „Durch die Konsekration des Brotes und
Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes
in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen
Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes. Diese Wandlung
wurde von der heiligen katholischen Kirche treffend und im
eigentlichen Sinne Wesensverwandlung genannt.“ (23) Die
Eucharistie ist wirklich mysterium fidei, ein Geheimnis, das unser
Denken übersteigt und das nur im Glauben erfasst werden kann.
Daran erinnern die Kirchenväter oft in ihren Katechesen über
dieses göttliche Sakrament: Der heilige Cyrill von Jerusalem
mahnt: „Schau in Brot und Wein nicht nur die natürlichen
Elemente an, denn der Herr hat ausdrücklich gesagt, dass sie sein
Leib und sein Blut sind: Der Glaube versichert es dir, auch wenn
die Sinne dir anderes einreden.“ (24)
„Adoro te devote,
latens Deitas“, singen wir immerfort mit dem heiligen Thomas von
Aquin. Angesichts dieses Geheimnisses der Liebe wird die ganze
Begrenztheit der menschlichen Vernunft erfahrbar. Man versteht,
wie diese Wahrheit im Laufe der Jahrhunderte die Theologie
angeregt hat, durch harte Anstrengungen in ihr Verständnis
einzudringen.
Diese Anstrengungen
sind lobenswert und umso nützlicher und fruchtbarer, je mehr sie
den kritischen Einsatz des Denkens mit dem „gelebten Glauben“
der Kirche zu verbinden vermögen, der sich besonders zeigt im
„sicheren Charisma der Wahrheit“ des Lehramtes und in der
„inneren Einsicht […] aus geistlicher Erfahrung“, (25) die
vor allem die Heiligen erlangen. Paul VI. hat auf die Grenze
hingewiesen, die bestehen bleibt: „Jede theologische Erklärung,
die sich um das Verständnis dieses Geheimnisses bemüht, muss, um
mit unserem Glauben übereinstimmen zu können, daran festhalten,
dass Brot und Wein der Substanz nach, unabhängig von unserem
Denken, nach der Konsekration zu bestehen aufgehört haben, so
dass nunmehr der anbetungswürdige Leib und das anbetungswürdige
Blut unseres Herrn vor uns gegenwärtig sind unter den
sakramentalen Gestalten von Brot und Wein.“ (26)
16. In Fülle
verwirklicht sich die heilbringende Wirkung des Opfers, wenn wir
in der Kommunion den Leib und das Blut des Herrn empfangen. Das
eucharistische Opfer ist in sich auf die innige Gemeinschaft von
uns Gläubigen mit Christus in der Kommunion ausgerichtet: Wir
empfangen ihn selbst, der sich für uns hingegeben hat, seinen
Leib, den er für uns am Kreuz dargebracht hat, sein Blut, das er
„für viele“ vergossen hat „zur Vergebung der Sünden“ (Mt
26, 28). Erinnern wir uns an seine Worte: „Wie mich der
lebendige Vater gesandt hat, und wie ich durch den Vater lebe, so
wird jeder, der mich isst, durch mich leben“ (Joh 6, 57). Jesus
selbst versichert uns, dass eine derartige Vereinigung, die er in
eine Analogie zur Einheit des dreifaltigen Gottes setzt, sich
wahrhaft verwirklicht. Die Eucharistie ist ein wahres Mahl, in dem
sich Christus als Nahrung darbietet. Als Jesus zum erstenmal diese
Speise ankündigte, waren die Zuhörer erstaunt und verwirrt und
zwangen den Meister, die objektive Wahrheit seiner Worte zu
unterstreichen: „Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das
Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt,
habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6, 53). Es handelt sich
nicht um eine Speise in einem bildhaften Sinn: „Mein Fleisch ist
wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank“ (Joh
6, 55).
17. Durch die
Teilhabe an seinem Leib und an seinem Blut teilt Christus uns auch
seinen Geist mit. Der heilige Ephräm schreibt: „Er nannte das
Brot seinen lebendigen Leib, er erfüllte es mit sich selbst und
mit seinem Geist. [...] Und der, der es mit Glauben isst, isst
Feuer und Geist. [...] Nehmt davon, esst alle davon und esst mit
ihm den Heiligen Geist. Es ist wirklich mein Leib und der, der ihn
isst, wird ewig leben.“ (27) Die Kirche erbittet diese göttliche
Gabe, die die Wurzel aller anderen Gaben ist, in der
eucharistischen Epiklese. In der Göttlichen Liturgie des heiligen
Johannes Chrysostomus heißt es zum Beispiel: „Wir rufen dich
an, wir bitten dich und wir flehen dich an: Sende deinen Heiligen
Geist über uns alle und über diese Gaben, [...] damit alle, die
daran teilhaben, Reinigung der Seele, Vergebung der Sünden,
Gemeinschaft des Heiligen Geistes erlangen mögen.“ (28) Und im
Römischen Messbuch betet der Priester: „Stärke uns durch den
Leib und das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem
Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in
Christus.“ (29) So lässt Christus durch die Gabe seines Leibes
und seines Blutes in uns die Gabe seines Geistes wachsen, der uns
schon in der Taufe eingegossen und im Sakrament der Firmung als
„Siegel“ geschenkt wurde.
18. Die Akklamation
des Volkes nach der Wandlung endet treffend mit dem Bekenntnis der
eschatologischen Perspektive, welche die Eucharistiefeier
auszeichnet (vgl. 1 Kor 11, 26): „... bis du kommst in
Herrlichkeit.“ Die Eucharistie bedeutet Spannung auf das Ziel
hin, Vorgeschmack der vollkommenen Freude, die Christus
versprochen hat (vgl. Joh 15, 11); in gewisser Weise ist sie
Vorwegnahme des Paradieses, „Unterpfand der künftigen
Herrlichkeit.“ (30) In der Eucharistie drückt alles die
vertrauensvolle Erwartung aus, dass „wir voll Zuversicht das
Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“ (31) Wer sich
von Christus in der Eucharistie nährt, muss nicht das Jenseits
erwarten, um das ewige Leben zu erlangen: Er besitzt es schon auf
Erden als Erstlingsgabe der künftigen Fülle, die den ganzen
Menschen betreffen wird. In der Eucharistie empfangen wir tatsächlich
auch die Garantie der leiblichen Auferstehung am Ende der Welt:
„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige
Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag“ (Joh 6,
54). Diese Garantie der künftigen Auferstehung kommt aus der
Tatsache, dass das Fleisch des Menschensohnes, das uns zur Speise
gereicht wird, sein Leib im verherrlichten Zustand des
Auferstandenen ist. Mit der Eucharistie nehmen wir sozusagen das
„Geheimnis“ der Auferstehung in uns auf. Deshalb definierte
der heilige Ignatius von Antiochien das eucharistische Brot zu
Recht als „Medizin der Unsterblichkeit, Gegengift gegen den
Tod.“ (32)
19. Die
eschatologische Spannung, die durch die Eucharistie wachgerufen
wird, drückt die Gemeinschaft mit der himmlischen Kirche aus und
stärkt sie. Es ist kein Zufall, dass die orientalischen Anaphoren
und die eucharistischen Hochgebete des lateinischen Ritus das ehrfürchtige
Gedenken Mariens, der allzeit jungfräulichen Mutter unseres Herrn
und Gottes Jesus Christus, der Engel, der heiligen Apostel, der
ruhmreichen Märtyrer und aller Heiligen enthalten. Dies ist ein
Aspekt der Eucharistie, der es verdient, hervorgehoben zu werden:
Während wir das Opfer des Lammes feiern, vereinen wir uns mit der
himmlischen Liturgie und gesellen uns zu jener gewaltigen Schar,
die ruft: „Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron
sitzt, und von dem Lamm!“ (Offb 7, 10). Die Eucharistie ist
wirklich ein Aufbrechen des Himmels, der sich über der Erde öffnet.
Sie ist ein Strahl der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalem, der
die Wolken unserer Geschichte durchdringt und Licht auf unseren
Weg wirft.
20. Eine bedeutsame
Konsequenz der eschatologischen Spannung, die in die Eucharistie
eingeschrieben ist, besteht auch darin, dass sie uns auf dem Weg
durch die Geschichte einen Impuls gibt und in die tägliche Arbeit
und Pflicht eines jeden einen Samen lebendiger Hoffnung legt. Wenn
die christliche Sichtweise nämlich dazu führt, auf „einen
neuen Himmel“ und „eine neue Erde“ zu blicken (vgl. Offb 21,
1), so schwächt dies nicht, sondern fördert unseren
Verantwortungssinn für die gegenwärtige Welt. (33) Ich möchte
dies mit Nachdruck am Beginn des neuen Jahrtausends bekräftigen,
damit die Christen sich mehr denn je angespornt fühlen, ihre
Pflichten als Bürger dieser Erde nicht zu vernachlässigen. Es
ist ihre Aufgabe, mit dem Licht des Evangeliums zum Aufbau einer
menschenwürdigen Welt im vollkommenen Einklang mit dem Plan
Gottes beizutragen.
Viele Probleme
verdunkeln den Horizont unserer Zeit. Es mag genügen, an die
Dringlichkeit zu erinnern, für den Frieden zu arbeiten, solide
und in Gerechtigkeit und Solidarität verankerte Voraussetzungen für
die Beziehungen zwischen den Völkern zu schaffen, das menschliche
Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende zu
verteidigen. Und was soll man zu den tausend Widersprüchen einer
„globalisierten“ Welt sagen, in der die Schwächsten, die
Kleinsten und die Ärmsten scheinbar wenig zu erhoffen haben?
Gerade in dieser Welt muss die christliche Hoffnung aufstrahlen!
Auch deshalb wollte der Herr in
der
Eucharistie bei uns bleiben; in seine Gegenwart im Opfer und im
Gastmahl ist die Verheißung einer Menschheit eingeschrieben, die
durch seine Liebe erneuert ist. Es ist bedeutungsvoll, dass das
Johannesevangelium dort, wo die synoptischen Evangelien die
Einsetzung der Eucharistie überliefern, den Bericht über die
„Fußwaschung“ enthält, in der Jesus sich zum Meister der
Gemeinschaft und des Dienstes macht (vgl. Joh 13, 1–20), um so
die tiefe Bedeutung der Eucharistie zu erläutern. Der Apostel
Paulus wertet seinerseits die Teilnahme der christlichen Gemeinde
am Herrenmahl als „unwürdig“, wenn es in ihr Spaltungen gibt
und sie den Armen gegen-über gleichgültig ist (vgl. 1 Kor 11,
17–22.27–34). (34)
Den Tod des Herrn
verkünden, „bis er kommt“ (1 Kor 11, 26), bringt für alle,
die an der Eucharistie teilnehmen, den Auftrag mit sich, das Leben
zu „verwandeln“, damit es in gewisser Weise ganz
„eucharistisch“ werde. Genau diese Frucht der Verwandlung der
Existenz wie auch der Auftrag, die Welt nach dem Evangelium
umzugestalten, lassen die eschatologische Spannung der
Eucharistiefeier und des ganzen christlichen Lebens aufleuchten:
„Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22, 20).
II. Die
Eucharistie baut die Kirche auf
21. Das Zweite
Vatikanische Konzil hat daran erinnert, dass die Feier der
Eucharistie im Zentrum des Wachstumsprozesses der Kirche steht.
Nach der Aussage: „Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon
gegenwärtige Reich Christi, wächst durch die Kraft Gottes
sichtbar in der Welt“, (35) fügt das Konzil hinzu, als ob es
auf die Frage „Wie wächst sie?“ antworten wollte: „Sooft
das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Osterlamm, dahingegeben
wurde (vgl. 1 Kor 5, 7), auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht
sich das Werk unserer Erlösung. Zugleich wird durch das Sakrament
des eucharistischen Brotes die Einheit der Gläubigen, die einen
Leib in Christus bilden, dargestellt und verwirklicht (vgl. 1 Kor
10, 17).“ (36)
Ein ursächlicher
Einfluss der Eucharistie zeigt sich am Ursprung der Kirche selbst.
Die Evangelisten beschreiben genau, dass es die Zwölf, die
Apostel, waren, die mit Jesus zum Letzten Abendmahl zusammenkamen
(vgl. Mt 26, 20; Mk 14, 17; Lk 22, 14). Dies ist ein Detail von
beträchtlicher Bedeutung, denn die Apostel „bildeten die Keime
des neuen Israel und zugleich den Ursprung der heiligen
Hierarchie.“ (37) Indem Christus ihnen seinen Leib und sein Blut
zur Speise gab, bezog er sie auf geheimnisvolle Weise in das Opfer
ein, das wenige Stunden später auf Kalvaria vollbracht werden
sollte. Analog zum Bundesschluss am Sinai, der durch das Opfer und
die Besprengung mit Blut besiegelt wurde, (38) legen die
Handlungen und Worte Jesu beim Letzten Abendmahl das Fundament für
die neue messianische Gemeinschaft, das Volk des Neuen Bundes.
Als die Apostel im
Abendmahlssaal die Einladung Jesu „Nehmt und esst... Trinkt alle
daraus...“ (Mt 26, 26–27) annahmen, traten sie zum erstenmal
in sakramentale Gemeinschaft mit ihm. Von diesem Augenblick an bis
zum Ende der Zeiten wird die Kirche durch die sakramentale
Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes auferbaut, der sich für uns
geopfert hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!... Tut dies,
sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,
24–25; vgl. Lk 22,19).
22. Die
Eingliederung in Christus, die in der Taufe verwirklicht wird,
erneuert und festigt sich beständig durch die Teilnahme am
eucharistischen Opfer, vor allem durch die volle Teilnahme am
Opfer in der sakramentalen Kommunion. Wir können sagen, dass
nicht nur jeder Einzelne von uns Christus empfängt, sondern auch,
dass Christus jeden Einzelnen von uns empfängt. Er schließt
Freundschaft mit uns: „Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15, 14).
Durch ihn haben wir das Leben: „So wird jeder, der mich isst,
durch mich leben“ (Joh 6, 57). In der eucharistischen Kommunion
verwirklicht sich in höchster Weise das „Innewohnen“ Christi
im Jünger und des Jüngers in Christus: „Bleibt in mir, dann
bleibe ich in euch“ (Joh 15, 4).
Durch die
Vereinigung mit Christus verschließt sich das Volk des Neuen
Bundes keineswegs in sich selbst, sondern wird vielmehr zum
„Sakrament“ für die Menschheit, (39) zum Zeichen und Werkzeug
des von Christus gewirkten Heiles, zum Licht der Welt und zum Salz
der Erde (vgl. Mt 5, 13–16) für die Erlösung aller. (40) Die
Sendung der Kirche führt die Sendung Christi weiter: „Wie mich
der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20, 21). Aus der
Fortdauer des Kreuzesopfers in der Eucharistie und aus der
Gemeinschaft mit dem Leib und dem Blut Christi schöpft die Kirche
die notwendige geistliche Kraft, um ihre Sendung zu erfüllen. So
zeigt sich die Eucharistie als Quelle und zugleich als Höhepunkt
der ganzen Evangelisierung, da ihr Ziel die Gemeinschaft der
Menschen mit Christus und in ihm mit dem Vater und mit dem
Heiligen Geist ist. (41)
23. Mit der
eucharistischen Kommunion wird die Kirche zugleich in ihrer
Einheit als Leib Christi gefestigt. Der heilige Paulus bezieht
sich auf diese einheitsstiftende Wirkung der Teilnahme am
eucharistischen Mahl, wenn er an die Korinther schreibt: „Ist
das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein
Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben
teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10, 16–17). Der heilige
Johannes Chrysostomus kommentiert treffend und tiefsinnig: „Was
ist denn das Brot wirklich? Es ist der Leib Christi. Was werden
die, welche ihn empfangen? Sie werden Leib Christi; aber nicht
viele Leiber, sondern ein einziger Leib. In der Tat ist das Brot
ganz eins, obgleich es aus vielen Körnern besteht, die sich in
ihm befinden, auch wenn man sie nicht sieht und ihre
Verschiedenheit zugunsten ihrer gegenseitigen vollkommenen
Verschmelzung verschwindet. Ebenso sind auch wir auf die gleiche
Weise untereinander geeint und alle miteinander mit Christus.“
(42) Die Argumentation ist überzeugend: Unsere Vereinigung mit
Christus, die Geschenk und Gnade für jeden Einzelnen ist,
bewirkt, dass wir in ihm auch zur Einheit seines Leibes, zur
Kirche, zusammengefügt werden. Die Eucharistie festigt die
Eingliederung in Christus, die in der Taufe durch die Gabe des
Geistes grundgelegt worden ist (vgl. 1 Kor 12, 13.27).
Das geeinte und
untrennbare Handeln des Sohnes und des Heiligen Geistes, das der
Kirche, ihrem Entstehen und ihrem Fortdauern zugrundeliegt, ist in
der Eucharistie wirksam. Dies ist dem Verfasser der Liturgie des
heiligen Jakobus wohl bewusst: Denn in der Epiklese der Anaphora
wird Gott Vater gebeten, dass er den Heiligen Geist auf die Gläubigen
und auf die Gaben herabkommen lasse, damit der Leib und das Blut
Christi „all denen, die daran teilhaben, [...] zur Heiligung der
Seele und des Leibes gereichen.“ (43) Die Kirche wird vom göttlichen
Beistand gefestigt durch die Heiligung der Gläubigen in der
Eucharistie.
24. Die Gabe
Christi und seines Geistes, die wir in der eucharistischen
Kommunion empfangen, erfüllt in überreichem Maß die Sehnsucht
nach brüderlicher Einheit, die im menschlichen Herzen wohnt.
Zugleich hebt sie die Erfahrung brüderlicher Gemeinschaft, die
der gemeinsamen Teilnahme am selben eucharistischen Tisch
innewohnt, auf eine Ebene, die weit über der bloßen Erfahrung
menschlicher Mahlgemeinschaft liegt. Durch die Kommunion am Leib
Christi dringt die Kirche immer tiefer in ihr Wesen ein, „in
Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug
für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der
ganzen Menschheit“ (44) zu sein.
Den Keimen der
Entzweiung unter den Menschen, die – wie die tägliche Erfahrung
zeigt – aufgrund der Sünde tief in die Menschheit eingegraben
sind, stellt sich die schöpferische Kraft der Einheit des Leibes
Christi entgegen. Die Eucharistie, die die Kirche auferbaut,
schafft gerade dadurch Gemeinschaft unter den Menschen.
25. Der Kult,
welcher der Eucharistie außerhalb der Messe erwiesen wird, hat
einen unschätzbaren Wert im Leben der Kirche. Dieser Kult ist eng
mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden. Die Gegenwart
Christi unter den heiligen Gestalten, die nach der Messe
aufbewahrt werden – eine Gegenwart, die so lange andauert, wie
die Gestalten von Brot und Wein Bestand haben (45) –, kommt von
der Feier des Opfers her und bereitet auf die sakramentale und die
geistliche Kommunion vor. (46) Es obliegt den Hirten, zur Pflege
des eucharistischen Kultes zu ermutigen, auch durch ihr persönliches
Zeugnis, insbesondere zur Aussetzung des Allerheiligsten sowie zum
anbetenden Verweilen vor Christus, der unter den eucharistischen
Gestalten gegenwärtig ist. (47)
Es ist schön, bei
ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine
Brust lehnte (vgl. Joh 13, 25), von der unendlichen Liebe seines
Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer
Zeit vor allem durch die „Kunst des Gebetes“ (48) auszeichnen
soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren,
lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer
Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im
Allerheiligsten gegenwärtig ist? Wie oft, meine lieben Brüder
und Schwestern, habe ich diese Erfahrung gemacht, und daraus
Kraft, Trost und Stärkung geschöpft!
Von dieser Praxis,
die das Lehramt wiederholt gelobt und empfohlen hat, (49) geben
uns zahlreiche Heilige ein Beispiel. In besonderer Weise zeichnete
sich darin der heilige Alfons von Liguori aus, der schrieb:
„Unter allen Frömmigkeitsformen ist die Anbetung des
eucharistischen Christus die erste nach den Sakramenten; sie ist
Gott am liebsten und uns am nützlichsten.“ (50) Die Eucharistie
ist ein unermesslicher Schatz: Nicht nur ihre Feier, sondern auch
das Verweilen vor ihr außerhalb der Messe gestattet uns, an der
Quelle der Gnade zu schöpfen. Wenn eine christliche Gemeinschaft
noch fähiger werden möchte, das Antlitz Christi in jenem Geist
zu betrachten, den ich in den Apostolischen Schreiben Novo
millennio ineunte und Rosarium Virginis Mariae empfohlen habe,
kann sie nicht darauf verzichten, den eucharistischen Kult zu
pflegen, in dem die Früchte der Gemeinschaft am Leib und am Blut
des Herrn fortdauern und sich vervielfachen.
III. Die
Apostolizität der Eucharistie und der Kirche
26. Wenn die
Eucharistie die Kirche auferbaut und die Kirche die Eucharistie
vollzieht, wie ich eben in Erinnerung gerufen habe, so folgt
daraus, dass es zwischen der Eucharistie und der Kirche eine sehr
enge Verbindung gibt. Dies gilt in einem solchem Maß, dass wir
auf das Mysterium der Eucharistie anwenden dürfen, was wir über
die Kirche sagen, wenn wir sie im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel
als „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“
bekennen. Eine und katholisch ist auch die Eucharistie. Sie ist
auch heilig, ja sie ist das heiligste Sakrament. Unsere
Aufmerksamkeit wollen wir nun aber vor allem auf ihre Apostolizität
richten.
27. Bei der Erklärung,
wie die Kirche apostolisch, also auf die Apostel gegründet ist,
weist der Katechismus der Katholischen Kirche auf einen dreifachen
Sinn hin. Erstens „ist und bleibt sie ,auf das Fundament der
Apostel‘ gebaut (Eph 2, 20), auf die von Christus selbst erwählten
und ausgesandten Zeugen.“ (51) Die Apostel sind auch das
Fundament der Eucharistie, nicht weil das Sakrament nicht auf
Christus selbst zurückgeht, sondern weil Jesus es den Aposteln
anvertraut hat und weil es von ihnen und ihren Nachfolgern bis zu
uns weitergegeben wurde. Die Kirche feiert die Eucharistie durch
die Jahrhunderte hindurch, indem sie das Handeln der Apostel
weiterführt, die dem Auftrag des Herrn gehorsam waren.
Der zweite Sinn,
wie die Kirche nach dem Katechismus apostolisch ist, besteht
darin, dass „sie mit dem Beistand des in ihr wohnenden Geistes
die Lehre, das Glaubensvermächtnis sowie die gesunden Grundsätze
der Apostel [bewahrt] und sie weiter[gibt].“ (52) Auch in diesem
zweiten Sinn ist die Eucharistie apostolisch, weil sie in Übereinstimmung
mit dem Glauben der Apostel gefeiert wird. Das kirchliche Lehramt
hat bei verschiedenen Gelegenheiten in der zweitausendjährigen
Geschichte des Volkes des Neuen Bundes die Lehre über die
Eucharistie, auch hinsichtlich der genauen Terminologie, präzisiert,
um dadurch den apostolischen Glauben an dieses erhabene Mysterium
zu schützen. Dieser Glaube bleibt unverändert, und es ist
wesentlich für die Kirche, dass er unverändert bleibt.
28. Schließlich
ist die Kirche in dem Sinn apostolisch, dass „sie bis zur
Wiederkunft Christi weiterhin von den Aposteln belehrt, geheiligt
und geleitet wird – und zwar durch jene, die ihnen in ihrem
Hirtenamt nachfolgen: das Bischofskollegium, dem die Priester zur
Seite stehen, in Einheit mit dem Nachfolger des Petrus, dem
obersten Hirten der Kirche.“ (53) Die apostolische Nachfolge in
der pastoralen Sendung schließt notwendig das Sakrament der Weihe
ein, also die ununterbrochene, auf die Anfänge zurückgehende
Reihe gültiger Bischofsweihen. (54) Diese Sukzession ist
wesentlich, damit von Kirche im eigentlichen und vollen Sinn
gesprochen werden kann. Die Eucharistie bringt auch diesen Sinn
der Apostolizität zum Ausdruck. Wie das Zweite Vatikanische
Konzil lehrt, kommt es den Gläubigen zu, „kraft ihres königlichen
Priestertums an der eucharistischen Darbringung mitzuwirken.“
(55) Es ist aber der geweihte Priester, der „in der Person
Christi das eucharistische Opfer vollzieht und es im Namen des
ganzen Volkes Gott darbringt.“ (56) Deshalb ist im Missale
Romanum vorgeschrieben, dass es nur dem Priester zusteht, das
eucharistische Hochgebet zu sprechen, während das Volk sich im
Glauben schweigend damit vereint. (57)
29. Der vom Zweiten
Vatikanischen Konzil wiederholt gebrauchte Ausdruck, gemäß dem
„der Amtspriester das eucharistische Opfer in der Person Christi
vollzieht“, (58) war im päpstlichen Lehramt bereits gut
verankert. (59) Wie ich bei anderer Gelegenheit klargestellt habe,
bedeutet in persona Christi „mehr als nur ,im Namen‘ oder ,in
Stellvertretung‘ Jesu Christi. In der Person, das heißt in der
spezifischen, sakramentalen Identifizierung mit dem ewigen
Hohenpriester, der Urheber und hauptsächliches Subjekt dieses
seines eigenen Opfers ist, bei dem er in Wahrheit von niemandem
ersetzt werden kann.“ (60) Der Dienst der Priester, die das
Sakrament der Weihe empfangen haben, macht in der von Christus
bestimmten Heilsordnung deutlich, dass die von ihnen gefeierte
Eucharistie eine Gabe ist, die auf radikale Weise die Vollmacht
der Gemeinde überragt. Das priesterliche Dienstamt ist
unersetzlich, um die eucharistische Konsekration gültig an das
Kreuzesopfer und an das Letzte Abendmahl zu binden. Die Gemeinde,
die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, bedarf unbedingt
eines geweihten Priesters, der sie leitet, um wirklich
eucharistische Versammlung sein zu können. Die Gemeinde kann sich
aber nicht selbst einen geweihten Amtsträger geben. Dieser ist
eine Gabe, die die Gemeinde durch die auf die Apostel zurückgehende
Sukzession der Bischöfe empfängt. Es ist nämlich der Bischof,
der durch das Sakrament der Weihe einen neuen Priester bestellt
und ihm die Vollmacht überträgt, die Eucharistie zu feiern.
Daher kann „das eucharistische Geheimnis in keiner Gemeinde
gefeiert werden, es sei denn durch die Hände eines geweihten
Priesters, wie das Vierte Laterankonzil ausdrücklich gelehrt
hat.“ (61)
30. Diese Lehre der
katholischen Kirche über das priesterliche Dienstamt in seiner
Beziehung zur Eucharistie wie auch die Lehre über das
eucharistische Opfer waren in den letzten Jahrzehnten Gegenstand
eines fruchtbaren Dialogs im Bereich der ökumenischen Bemühungen.
Wir müssen der heiligsten Dreifaltigkeit danken, weil es zu
bedeutsamen Fortschritten und Annäherungen gekommen ist, die uns
auf eine Zukunft hoffen lassen, in der wir den Glauben voll und
ganz teilen. Die Anmerkung des Konzils bezüglich der kirchlichen
Gemeinschaften, die im Abendland im 16. Jahrhundert und danach
entstanden und von der katholischen Kirche getrennt sind, bleibt
noch immer voll zutreffend: „Obgleich bei den von uns getrennten
kirchlichen Gemeinschaften die aus der Taufe hervorgehende volle
Einheit mit uns fehlt und obgleich sie nach unserem Glauben vor
allem wegen des Fehlens des Weihesakramentes die ursprüngliche
und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums
nicht bewahrt haben, bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier
des Todes und der Auferstehung des Herrn im Heiligen Abendmahl,
dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet
werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft.“ (62)
Deshalb müssen die
katholischen Gläubigen bei allem Respekt vor den religiösen Überzeugungen
ihrer getrennten Brüder und Schwestern der Kommunion fernbleiben,
die bei ihren Feiern ausgeteilt wird, damit sie nicht einer
zweideutigen Auffassung über das Wesen der Eucharistie Vorschub
leisten und so die Pflicht versäumen, für die Wahrheit klar
Zeugnis abzulegen. Dies würde zu einer Verzögerung auf dem Weg
zur vollen sichtbaren Einheit führen. Es ist auch nicht
gestattet, die sonntägliche heilige Messe durch ökumenische
Wortgottesdienste, durch gemeinsame Gebetstreffen mit Christen,
die den genannten kirchlichen Gemeinschaften angehören, oder
durch die Teilnahme an ihren liturgischen Feiern zu ersetzen. Bei
geeigneten Anlässen sind derartige Feiern und Treffen in sich
lobenswert, sie bereiten auf die ersehnte volle, auch
eucharistische Gemeinschaft vor, können sie aber nicht ersetzen.
Die Tatsache, dass
die Vollmacht zur Darbringung der Eucharistie ausschließlich den
Bischöfen und Priestern anvertraut ist, stellt keine Herabsetzung
des übrigen Gottesvolkes dar. Denn in der Gemeinschaft des
einzigen Leibes Christi, der Kirche, nützt diese Gabe allen in überreichem
Maß.
31. Wenn die
Eucharistie Mitte und Höhepunkt des Lebens der Kirche ist, so ist
sie es in gleicher Weise für das priesterliche Dienstamt. Mit
einem dankbaren Herzen gegenüber unserem Herrn Jesus Christus
unterstreiche ich deshalb von neuem, dass die Eucharistie „der
wesentliche und zentrale Seinsgrund für das Sakrament des
Priestertums ist, das ja im Augenblick der Einsetzung der
Eucharistie und zusammen mit ihr gestiftet worden ist.“ (63)
Die pastoralen Tätigkeiten
des Priesters sind vielfältig. Wenn man an die gesellschaftlichen
und kulturellen Verhältnisse der gegenwärtigen Welt denkt, kann
man leicht verstehen, wie groß und bedrohlich für die Priester
die Gefahr ist, sich in einer Vielzahl verschiedener Aufgaben zu
verlieren. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Hirtenliebe
das Band gesehen, das ihr Leben und ihre Tätigkeiten zur Einheit
führt. Diese Hirtenliebe – so fügt das Konzil hinzu – „erwächst
am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte
und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens.“ (64) Man versteht
so, wie wichtig es für sein geistliches Leben und darüber hinaus
für das Wohl der Kirche und der Welt ist, dass der Priester die
Empfehlung des Konzils, täglich die Eucharistie zu feiern, in die
Tat umsetzt. Denn „sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen
dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche.“ (65) Auf
diese Weise kann der Priester jede zerstreuende Spannung in seinem
Tagesablauf überwinden, weil er im eucharistischen Opfer, der
wahren Mitte seines Lebens und Dienens, die notwendige geistliche
Energie findet, um sich den verschiedenen seelsorglichen Aufgaben
zu stellen. So werden seine Tage wahrhaft eucharistisch.
Von der zentralen
Stellung der Eucharistie im Leben und Wirken der Priester leitet
sich auch die zentrale Stellung der Eucharistie in der Pastoral
zur Förderung von Priesterberufungen ab. Dies gilt vor allem
deshalb, weil das Gebet um Berufungen in der Eucharistie ganz mit
dem Gebet Christi, des ewigen Hohenpriesters, vereint wird. Die
eifrige Sorge der Priester um das Mysterium der Eucharistie sowie
die damit verbundene Förderung der bewussten, tätigen und
fruchtbaren Teilnahme der Gläubigen an der Eucharistie ist zudem
ein eindrucksvolles Beispiel und ein Ansporn für junge Menschen,
großmütig auf den Ruf Gottes zu antworten. Oft bedient sich Gott
der vorbildlichen und eifrigen Hirtenliebe eines Priesters, um im
Herzen eines jungen Menschen den Keim der Berufung zum Priestertum
auszusäen und zur Entfaltung zu bringen.
32. All das zeigt,
wie schmerzlich es ist und wie weit man sich von der normalen
Situation entfernt, wenn eine christliche Gemeinde sich zwar
aufgrund der Anzahl und Vielfalt der Gläubigen als Pfarrei
darstellt, aber keinen Priester hat, der sie leitet. Die Pfarrei
ist nämlich eine Gemeinschaft von Getauften, die ihre Identität
vor allem durch die Feier des eucharistischen Opfers ausdrücken
und geltend machen. Dazu aber ist ein Priester notwendig, denn nur
ihm steht es zu, in persona Christi die Eucharistie darzubringen.
Wenn einer Gemeinde der Priester fehlt, sucht man mit Recht nach
einer gewissen Abhilfe, damit die sonntäglichen Gottesdienste
weiterhin stattfinden. Die Ordensleute und Laien, die ihre Brüder
und Schwestern im Gebet leiten, üben in lobenswerter Weise das
gemeinsame Priestertum aller Gläubigen aus, das in der Taufgnade
gründet. Derartige Lösungen müssen aber als bloß vorläufig
betrachtet werden, solange die Gemeinde auf einen Priester wartet.
Die Tatsache, dass
solche Feiern in sakramentaler Hinsicht unvollständig sind, muss
die ganze Gemeinde dazu drängen, mit größerem Eifer zu beten,
dass der Herr Arbeiter für seine Ernte aussende (vgl. Mt 9, 38),
und muss auch dazu anspornen, alle anderen Grundaspekte einer
angemessenen Berufungspastoral in die Tat umzusetzen. Dabei darf
man nicht der Versuchung erliegen, Lösungen anzustreben, welche
die Eigenschaften schwächen, die von den Priesteramtskandidaten
in Bezug auf das sittliche Leben und die Ausbildung verlangt
werden.
33. Wenn
nichtgeweihte Gläubige wegen des Priestermangels mit der
Mitarbeit an der Seelsorge einer Pfarrei betraut worden sind,
sollen sie sich bewusst bleiben, dass – wie das Zweite
Vatikanische Konzil lehrt – „die christliche Gemeinde nur
aufgebaut wird, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der
Eucharistie hat.“ (66) Sie müssen deshalb dafür sorgen, dass
in der Gemeinde ein wahrer „Hunger“ nach der Eucharistie
lebendig bleibt. Dieser „Hunger“ soll dazu führen, keine
Gelegenheit zur Messfeier zu versäumen und auch die gelegentliche
Anwesenheit eines Priesters zu nützen, der vom Kirchenrecht nicht
an der Messfeier gehindert ist.
IV. Die
Eucharistie und die kirchliche Gemeinschaft
34. Die außerordentliche
Versammlung der Bischofssynode 1985 erkannte in der „Communio-Ekklesiologie“
die zentrale und grundlegende Idee der Dokumente des Zweiten
Vatikanischen Konzils. (67) Die auf Erden pilgernde Kirche ist
aufgerufen, die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott wie auch
die Gemeinschaft unter den Gläubigen zu bewahren und zu fördern.
Dafür besitzt sie das Wort und die Sakramente, vor allem die
Eucharistie, aus der die Kirche „immerfort lebt und wächst“
(68) und in der sie zugleich ihr Wesen zum Ausdruck bringt. Nicht
zufällig ist der Begriff Kommunion eine der besonderen
Bezeichnungen für dieses erhabene Sakrament geworden.
Die Eucharistie
erscheint als Höhepunkt aller Sakramente, weil sie die
Gemeinschaft mit Gott Vater im Einswerden mit dem eingeborenen
Sohn durch den Heiligen Geist zur Vollendung führt. Ein
bedeutender Schriftsteller der byzantinischen Tradition brachte
diese Wahrheit mit gläubigem Scharfsinn zum Ausdruck: In der
Eucharistie „ist vor jedem anderen Sakrament das Geheimnis [der
Gemeinschaft] so vollkommen, dass es zum Gipfel aller Gü-ter führt:
Hier liegt das höchste Ziel jeder menschlichen Sehnsucht, weil
wir hier Gott folgen, und Gott sich mit uns in der vollkommensten
Einheit verbindet.“ (69) Eben darum ist es angemessen, in der
Seele das dauernde Verlangen nach dem eucharistischen Sakrament zu
pflegen. Hier liegt die Übung der „geistlichen Kommunion“
begründet, die sich seit Jahrhunderten in der Kirche verbreitet
hat und von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Lebens empfohlen
wurde. Die heilige Theresia von Jesus schrieb: „Wenn ihr nicht
kommuniziert und an der Messe teilnehmt, könnt ihr geistlich
kommunizieren. Diese Übung bringt reiche Früchte... So prägt
sich in euch stark die Liebe unseres Herrn ein.“ (70)
35. Die Feier der
Eucharistie kann aber nicht der Ausgangspunkt der Gemeinschaft
sein, sie setzt die Gemeinschaft vielmehr voraus und möchte sie
stärken und zur Vollendung führen. Das Sakrament drückt dieses
Band der Gemeinschaft aus, und zwar sowohl auf der unsichtbaren
Ebene, die uns in Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes
mit dem Vater und untereinander verbindet, als auch auf der
sichtbaren Ebene, welche die Gemeinschaft in der Lehre der
Apostel, in den Sakramenten und in der hierarchischen Ordnung
ein-schließt. Die enge Beziehung, die zwischen den unsichtbaren
und den sichtbaren Elementen der kirchlichen Gemeinschaft besteht,
ist ein konstitutives Merkmal der Kirche als Sakrament des Heiles.
(71) Nur in diesem Zusammenhang ist die Feier der Eucharistie
rechtmäßig und die Teilnahme an ihr wahrhaftig. Deshalb ist es
eine Anforderung, die sich aus dem Wesen der Eucharistie ergibt,
dass sie in der Gemeinschaft gefeiert wird, und zwar dort, wo die
Unversehrtheit ihrer Bande gewahrt ist.
36. Die unsichtbare
Gemeinschaft, die ihrer Natur nach stets im Wachstum begriffen
ist, setzt das Leben der Gnade, durch das man „Anteil an der göttlichen
Natur“ (2 Petr 1, 4) erhält, sowie die Übung der Tugenden des
Glaubens, der Hoffnung und der Liebe voraus. Nur so hat man
wahrhaft Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen
Geist. Der Glaube genügt nicht; es ist vielmehr nötig, in der
heiligmachenden Gnade und in der Liebe zu verharren und mit dem
„Leib“ und dem „Herzen“ (72) im Schoß der Kirche zu
bleiben. Um mit den Worten des heiligen Paulus zu sprechen: Es ist
erforderlich, „den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam
ist“ (Gal 5, 6).
Die Unversehrtheit
der unsichtbaren Bande aufrecht zu erhalten, ist eine moralische
Pflicht des Christen, der voll an der Eucharistie teilnehmen und
den Leib und das Blut Christi empfangen will. „Jeder soll sich
selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem
Kelch trinken“ (1 Kor 11, 28). Mit kraftvoller Beredsamkeit
mahnte der heilige Johannes Chrysostomus die Gläubigen: „Auch
ich erhebe die Stimme, flehe, bitte und beschwöre euch, nicht zu
diesem heiligen Tisch mit einem befleckten und verdorbenen
Gewissen hinzutreten. Ein solches Hinzutreten kann man nie
Kommunion nennen, auch wenn wir tausendmal den Leib des Herrn berühren,
sondern Verdammnis, Pein und Vermehrung der Strafen.“ (73)
In diesem Sinn hält
der Katechismus der Katholischen Kirche mit Recht fest:„Wer sich
einer schweren Sünde bewusst ist, muss das Sakrament der Buße
empfangen, bevor er die Kommunion empfängt.“ (74) Ich möchte
deshalb bekräftigen, dass in der Kirche die Norm gilt und immer
gelten wird, mit der das Konzil von Trient die ernste Mahnung des
Apostels Paulus (vgl. 1 Kor 11, 28) konkretisiert hat, indem es
bestimmte, dass dem würdigen Empfang der Eucharistie „die
Beichte vorausgehen muss, wenn einer sich einer Todsünde bewusst
ist.“ (75)
37. Die Eucharistie
und die Buße sind zwei eng miteinander verbundene Sakramente. Die
Eucharistie vergegenwärtigt das Erlösungsopfer des Kreuzes und
setzt es auf sakramentale Weise fort. Daraus entspringt eine beständige
Forderung zur Umkehr und zu einer persönlichen Antwort auf die
Mahnung, die der heilige Paulus an die Christen von Korinth
gerichtet hat: „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott
versöhnen!“ (2 Kor 5, 20). Für den Christen, auf dessen
Gewissen eine schwere Sünde lastet, ist der Weg der Buße durch
das Sakrament der Versöhnung verpflichtend, um voll am
eucharistischen Opfer teilnehmen zu können.
Es ist
offensichtlich, dass das Urteil über den Gnadenstand nur dem
Betroffenen zukommt, denn es handelt sich um ein Urteil des
Gewissens. Aber in den Fällen, in denen ein äußeres Verhalten
in schwerwiegender, offenkundiger und beständiger Weise der
moralischen Norm widerspricht, kommt die Kirche nicht umhin, sich
in ihrer pastoralen Sorge um die rechte Ordnung der Gemeinschaft
und aus Achtung vor dem Sakrament in Pflicht nehmen zu lassen. Auf
diesen Zustand offenkundiger moralischer Indisposition verweist
die Norm des kirchlichen Gesetzbuches, gemäß der jene nicht zur
eucharistischen Kommunion zugelassen werden können, „die hartnäckig
in einer offenkundigen schweren Sünde verharren“ (76).
38. Wie ich bereits
in Erinnerung gerufen habe, ist die kirchliche Gemeinschaft auch
sichtbar und findet Ausdruck in den Banden, die vom Konzil erwähnt
wurden, als es lehrte: „Jene werden der Gemeinschaft der Kirche
voll eingegliedert, die, im Besitze des Geistes Christi, ihre
ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Heilsmittel annehmen
und in ihrem sichtbaren Verband mit Christus, der sie durch den
Papst und die Bischöfe leitet, verbunden sind, und dies durch die
Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der
kirchlichen Leitung und Gemeinschaft.“ (77)
Die Eucharistie ist
die höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der
Kirche. Deshalb ist es notwendig, dass sie im Kontext der
Unversehrtheit auch der äußeren Bande der Gemeinschaft gefeiert
wird. Weil sie in besonderer Weise „die Vollendung des
geistlichen Lebens und das Ziel aller Sakramente“ (78) ist, müssen
die Bande der Gemeinschaft in den Sakramenten wirklich bestehen,
besonders in der Taufe und in der Priesterweihe. Es ist nicht möglich,
einer Person die Kommunion zu reichen, die nicht getauft ist oder
die unverkürzte Glaubenswahrheit über das eucharistische
Mysterium zurückweist. Christus ist die Wahrheit und legt Zeugnis
ab für die Wahrheit (vgl. Joh 14,6; 18,37); das Sakrament seines
Leibes und seines Blutes erlaubt keine Heuchelei.
39. Wegen des
eigenen Charakters der kirchlichen Gemeinschaft und des Verhältnisses,
welches das Sakrament der Eucharistie zu ihr hat, muss daran
erinnert werden, dass „das eucharistische Opfer, wenngleich es
immer in einer einzelnen Gemeinschaft gefeiert wird, niemals Feier
nur dieser Gemeinde ist: Diese empfängt ja mit der
eucharistischen Gegenwart des Herrn zugleich die ganze Heilsgabe
und erweist sich so in ihrer bleibenden sichtbaren Einzelgestalt
als Abbild und wahre Präsenz der einen, heiligen, katholischen
und apostolischen Kirche.“ (79) Daraus folgt, dass eine wahrhaft
eucharistische Gemeinde sich nicht selbstgenügsam in sich
verschließen kann, sondern offen sein muss gegenüber jeder
anderen katholischen Gemeinde.
Die kirchliche
Gemeinschaft der eucharistischen Versammlung ist Gemeinschaft mit
dem eigenen Bischof und mit dem Papst. Der Bischof ist in der Tat
das sichtbare Prinzip und das Fundament der Einheit in seiner
Teilkirche. (80) Es wäre daher ein großer Widerspruch, wenn das
Sakrament der Einheit der Kirche schlechthin nicht in Gemeinschaft
mit dem Bischof gefeiert würde. Der heilige Ignatius von
Antiochien schrieb: „Jene Eucharistie wird als sicher erachtet,
die unter dem Bischof oder dem, den er damit beauftragt hat,
gefeiert wird.“ (81) Weil „der Bischof von Rom als Nachfolger
Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die
Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (82) ist,
bildet die Gemeinschaft mit ihm in gleicher Weise eine innere
Notwendigkeit für die Feier des eucharistischen Opfers. Diese große
Wahrheit findet in der Liturgie auf vielfältige Weise Ausdruck:
„Jede Eucharistiefeier [wird] in Einheit nicht nur mit dem
eigenen Bischof, sondern auch mit dem Papst, mit der Gemeinschaft
der Bischöfe, mit dem gesamten Klerus und mit dem ganzen Volk
vollzogen. [...] In jeder gültigen Eucharistiefeier kommt diese
universale Gemeinschaft mit Petrus und mit der ganzen Kirche zum
Ausdruck, oder sie wird objektiv verlangt, wie bei den von Rom
getrennten christlichen Kirchen.“ (83)
40. Die Eucharistie
schafft Gemeinschaft und erzieht zur Gemeinschaft. Der heilige
Paulus wandte sich an die Gläubigen von Korinth, um ihnen vor
Augen zu halten, wie sehr die Spaltungen, die bei den
eucharistischen Feiern offenkundig wurden, dem widersprachen, was
sie feierten, nämlich das Herrenmahl. Der Apostel hat die Gläubigen
deshalb eingeladen, über das wahre Wesen der Eucharistie
nachzudenken, um sie zum Geist brüderlicher Gemeinschaft zurückzuführen
(vgl. 1 Kor 11, 17–34). Der heilige Augustinus griff diese
Forderung mit Nachdruck auf, als er an das Wort des Apostels
„Ihr seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an
ihm“ (1 Kor 12, 27) erinnerte und schrieb: „Wenn ihr der Leib
Christi und seine Glieder seid, so ist auf dem Tisch des Herrn das
niedergelegt, was euer Geheimnis ist; ja, ihr empfangt das, was
euer Geheimnis ist.“ (84) Aus dieser Feststellung zog er den
Schluss: „Christus, der Herr, [...] heiligte an seinem Tisch das
Geheimnis unseres Friedens und unserer Einheit. Wer das Geheimnis
der Einheit empfängt, aber nicht das Band des Friedens bewahrt,
empfängt das Geheimnis nicht zu seinem Nutzen, sondern einen
Beweis gegen sich selbst.“ (85)
41. In der
besonderen Wirksamkeit zur Förderung der Gemeinschaft, die der
Eucharistie eigen ist, liegt einer der Gründe für die Bedeutung
der Sonntagsmesse. Über sie und über die weiteren Gründe,
deretwegen die Messe für das Leben der Kirche und der einzelnen
Gläubigen von grundlegender Bedeutung ist, habe ich mich im
Apostolischen Schreiben über die Heiligung des Sonntags Dies
Domini (86) geäußert. Ich rief unter anderem in Erinnerung, dass
die Gläubigen die Pflicht haben, an der Messe teilzunehmen, es
sei denn, sie sind durch einen schwerwiegenden Umstand daran
gehindert. Den Hirten ist ihrerseits die Pflicht auferlegt, allen
Gläubigen die Möglichkeit zu bieten, dieses Gebot zu erfüllen.
(87) In dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe
ich vor kurzem den pastoralen Weg der Kirche am Beginn des dritten
Jahrtausends abgesteckt und dabei auch die besondere Bedeutung der
sonntäglichen Eucharistie betont und deren gemeinschaftsbildende
Wirksamkeit hervorgehoben: „Sie ist“ – so schrieb ich –
„der vorzügliche Ort, wo die Gemeinschaft ständig verkündet
und gepflegt wird. Gerade durch die Teilnahme an der Eucharistie
wird der Tag des Herrn auch der Tag der Kirche, die auf diese
Weise ihre Rolle als Sakrament der Einheit wirksam spielen
kann.“ (88)
42. Jeder Gläubige
hat die Aufgabe, die kirchliche Gemeinschaft zu bewahren und zu fördern,
besonders im sorgsamen Umgang mit der Eucharistie, dem Sakrament
der Einheit der Kirche. Noch konkreter fällt diese Aufgabe den
Hirten der Kirche zu, die gemäß ihrer eigenen Stellung und ihrem
kirchlichen Amt eine besondere Verantwortung haben. Die Kirche hat
deshalb Normen erlassen, die den häufigen und fruchtbaren Zutritt
der Gläubigen zum Tisch des Herrn fördern und die objektiven
Bedingungen
festlegen, unter denen von der Spendung der Kommunion abgesehen
werden muss. Das sorgfältige Bemühen um die treue Beachtung
dieser Bestimmungen ist beredter Ausdruck der Liebe zur
Eucharistie und zur Kirche.
43. In der
Betrachtung der Eucharistie als Sakrament der kirchlichen
Gemeinschaft gibt es einen Aspekt, der wegen seiner Bedeutung
nicht vernachlässigt werden darf: Ich meine die Eucharistie in
ihrer Beziehung zum ökumenischen Einsatz. Wir alle müssen der
heiligsten Dreifaltigkeit dafür danken, dass in den letzten
Jahrzehnten viele Gläubige in allen Teilen der Welt von dem
aufrichtigen Verlangen nach der Einheit aller Christen berührt
worden sind. Das Zweite Vatikanische Konzil erkennt darin am
Anfang des Dekrets über den Ökumenismus eine besondere Gabe
Gottes. (89) Es war eine wirksame Gnade, die uns Söhne und Töchter
der katholischen Kirche wie auch unsere Brüder und Schwestern in
den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf den Weg der
Ökumene geführt hat.
Das Streben nach
dem Ziel der Einheit drängt uns, den Blick auf die Eucharistie zu
richten, die das höchste Sakrament der Einheit des Volkes Gottes,
sein angemessener Ausdruck und seine unüberbietbare Quelle ist.
(90)
In der Feier des
eucharistischen Opfers fleht die Kirche inständig zu Gott, dem
Vater des Erbarmens, dass er seinen Kindern die Fülle des
Heiligen Geistes schenke, um in Christus ein Leib und ein Geist zu
werden. (91) Wenn die Kirche dieses Gebet dem Vater des Lichtes
darbringt, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk
kommt (vgl. Jak 1, 17), glaubt sie, dass es wirksam ist. Denn sie
betet in Einheit mit Christus, dem Haupt und Bräutigam, der sich
das Flehen der Braut zu Eigen macht und es mit seinem Erlösungsopfer
verbindet.
44. Weil die
Einheit der Kirche, welche die Eucharistie durch das Opfer und den
Empfang des Leibes und Blutes des Herrn verwirklicht, unter dem
unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft durch die Bande des
Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen
Leitungsamtes steht, ist es nicht möglich, die eucharistische
Liturgie gemeinsam zu feiern, bevor diese Bande in ihrer
Unversehrtheit nicht wieder hergestellt sind. Eine derartige
Konzelebration wäre kein gültiges Mittel, sondern könnte sich
sogar als ein Hindernis für das Erreichen der vollen Gemeinschaft
erweisen. Sie würde den Sinn dafür abschwächen, wie weit das
Ziel entfernt ist, und eine zweideutige Auffassung über die eine
oder andere Glaubenswahrheit mit sich bringen und fördern.
Der Weg zur vollen
Einheit kann nur in der Wahrheit beschritten werden. Das Verbot
durch das kirchliche Gesetz lässt in dieser Frage keinen Raum für
Unklarheiten (92) und folgt in Treue der vom Zweiten Vatikanischen
Konzil verkündeten moralischen Norm. (93)
Ich möchte aber
bekräftigen, was ich in der Enzyklika Ut unum sint ausführte,
nachdem ich die Unmöglichkeit der gegenseitigen
Eucharistiegemeinschaft festgestellt habe: „Doch haben wir den
sehnlichen Wunsch, gemeinsam die Eucharistie des Herrn zu feiern,
und dieser Wunsch wird schon zu einem gemeinsamen Lob, zu ein und
demselben Bittgebet. Gemeinsam wenden wir uns an den Vater und tun
das zunehmend ,mit nur einem Herzen‘.“ (94)
45. Wenn die volle
Gemeinschaft fehlt, ist die Konzelebration in keinem Fall
statthaft. Dies gilt nicht für die Spendung der Eucharistie unter
besonderen Umständen und an einzelne Personen, die zu Kirchen
oder kirchlichen Gemeinschaften gehören, die nicht in der vollen
Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. In diesem Fall
geht es nämlich darum, einem schwerwiegenden geistlichen Bedürfnis
einzelner Gläubiger im Hinblick auf das ewige Heil
entgegenzukommen, nicht aber um die Praxis einer Interkommunion,
die nicht möglich ist, solange die sichtbaren Bande der
kirchlichen Gemeinschaft nicht vollständig geknüpft sind.
In diesem Sinn hat
sich das Zweite Vatikanische Konzil geäußert, indem es die
Praxis bestimmte, die gegenüber den orientalischen Christen
einzuhalten ist, die in gutem Glauben von der katholischen Kirche
getrennt leben, spontan um den Empfang der Eucharistie aus der
Hand eines katholischen Amtsträgers bitten und in rechter Weise
darauf vorbereitet sind. (95) Diese Verhaltensweise ist von beiden
Gesetzbüchern bestätigt worden, die mit den entsprechenden
Anpassungen auch den Fall der anderen nicht orientalischen
Christen berücksichtigen, die nicht in voller Gemeinschaft mit
der katholischen Kirche stehen. (96)
46. In der
Enzyklika Ut unum sint habe ich selbst meine Wertschätzung für
diese Norm zum Ausdruck gebracht, die es gestattet, für das Heil
der Seelen mit dem gebotenen Unterscheidungsvermögen Sorge zu
tragen: „Ein Grund zur Freude ist in diesem Zusammenhang, daran
zu erinnern, dass die katholischen Priester in bestimmten Einzelfällen
die Sakramente der Eucharistie, der Buße und der Krankensalbung
anderen Christen spenden können, die zwar noch nicht in voller
Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, aber sehnlich den
Empfang der Sakramente wünschen, von sich aus darum bitten und
den Glauben bezeugen, den die katholische Kirche in diesen
Sakramenten bekennt. Umgekehrt können sich in bestimmten Fällen
und unter besonderen Umständen auch die Katholiken zum Empfang
derselben Sakramente an die Geistlichen jener Kirchen wenden, in
denen sie gültig gespendet werden.“ (97)
Es ist notwendig,
diese Bedingungen genau zu befolgen. Sie sind unumgänglich, auch
wenn es sich um begrenzte Einzelfälle handelt. Die Ablehnung
einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente,
etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des
Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat
zur Folge, dass der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen
Empfang disponiert ist. Und umgekehrt kann ein katholischer Gläubiger
nicht die Kommunion in einer Gemeinschaft empfangen, der das gültige
Sakrament der Weihe fehlt. (98) Die getreue Einhaltung aller in
dieser Materie festgelegten Normen (99) ist Ausdruck und zugleich
Garantie der Liebe zu Jesus Christus im heiligsten Sakrament, zu
den Brüdern und Schwestern anderer christlicher Konfessionen,
denen wir das Zeugnis der Wahrheit schulden, wie auch zum Auftrag,
die Einheit zu fördern.
V. Die Würde der
Eucharistiefeier
47. Wer in den
synoptischen Evangelien den Bericht über die Einsetzung der
Eucharistie liest, bleibt getroffen von der Schlichtheit und auch
von der „Feierlichkeit“, mit der Jesus beim Letzten Abendmahl
das große Sakrament stiftet. Eine Episode dient in gewissem Sinn
als dessen Vorspiel, nämlich die Salbung in Betanien. Eine Frau
– nach Johannes ist es Maria, die Schwester des Lazarus – gießt
aus einem Gefäß kostbares Öl über Jesu Haupt und provoziert
damit unter den Jüngern – besonders bei Judas (vgl. Mt 26, 8;
Mk 14, 4; Joh 12, 4) – Unwillen, als ob eine solche Geste
angesichts der Bedürfnisse der Armen eine unannehmbare
„Verschwendung“ wäre. Das Urteil Jesu ist jedoch ganz anders.
Ohne die Pflicht zur Liebe gegenüber den Bedürftigen zu vernachlässigen,
denen sich die Jünger immer widmen müssen – „Die Armen habt
ihr immer bei euch“ (Mt 26, 11; Mk 14, 7; vgl. Joh 12, 8) –,
blickt er auf das unmittelbar bevorstehende Ereignis seines Todes
und seines Begräbnisses. Er würdigt die Salbung als Vorwegnahme
jener Ehre, die seinem Leib aufgrund seiner unlösbaren
Verbundenheit mit dem Mysterium seiner Person immer, auch nach dem
Tod, zukommt.
In den synoptischen
Evangelien geht die Erzählung weiter mit dem Auftrag Jesu an die
Jünger, den „großen Saal“ sorgfältig vorzubereiten, um das
Paschamahl essen zu können (vgl. Mk 14, 15; Lk 22, 12). Hierauf
folgt der Bericht von der Einsetzung der Eucharistie. Die Erzählung
lässt wenigstens teilweise den Rahmen der jüdischen Riten des
Paschamahls bis zum Lobgesang des Hallel (vgl. Mt 26, 30; Mk 14,
26) erahnen und enthält in knapper und doch feierlicher Form –
in den Varianten der verschiedenen Überlieferungen – die Worte,
die Christus über das Brot und den Wein sprach, die er als
konkrete Zeichen für seinen geopferten Leib und für sein
vergossenes Blut gebrauchte. Die Evangelisten erinnern an all
diese Einzelheiten im Licht einer Praxis des „Brotbrechens“,
die sich in der Urkirche bereits gefestigt hatte. Aber sicher trägt
das Geschehen des Gründonnerstags, ausgehend von der gelebten
Geschichte Jesu, sichtbar die Züge einer liturgischen
„Sensibilität“ an sich, die auf alttestamentlicher Tradition
beruhte und für eine Neugestaltung in Übereinstimmung mit dem
neuen Inhalt des Pascha in der christlichen Feier offen war.
48. Wie die Frau,
die Jesus in Betanien salbte, hat die Kirche keine Angst,
„verschwenderisch“ zu sein, wenn sie die besten Mittel
einsetzt, um ihr anbetendes Staunen über das unermessliche
Geschenk der Eucharistie zum Ausdruck zu bringen. Nicht weniger
als die ersten Jünger, die beauftragt waren, den „großen
Raum“ herzurichten, fühlt sich die Kirche durch die
Jahrhunderte und in der Aufeinanderfolge der Kulturen dazu gedrängt,
die Eucharistie in einem Rahmen zu feiern, der eines so großen
Mysteriums würdig ist. Im Einklang mit den Worten und Handlungen
Jesu ist die christliche Liturgie entstanden, die das rituelle
Erbe des Judentums weiterentwickelt hat. Und in der Tat: Was könnte
genügen, um in angemessener Weise den Empfang der Gabe auszudrücken,
die der göttliche Bräutigam unaufhörlich der Kirche, seiner
Braut, schenkt, indem er das Opfer, das er ein für allemal am
Kreuz dargebracht hat, jeder einzelnen Generation von Gläubigen
nahebringt und sich zur Speise für alle Gläubigen macht? Wenn
auch der Kontext des „Gastmahls“ eine familiäre Atmosphäre
nahelegt, so ist die Kirche doch nie der Versuchung erlegen, diese
„Vertrautheit“ mit ihrem Bräutigam zu banalisieren; niemals
hat sie vergessen, dass er auch ihr Herr ist und das
„Gastmahl“ für immer ein Opfermahl bleibt, das von dem auf
Golgota vergossenen Blut gezeichnet ist. Das eucharistische Mahl
ist wirklich ein „heiliges“ Mahl, in dem in schlichten Zeichen
der Abgrund der Heiligkeit Gottes verborgen liegt: „O Sacrum
convivium, in quo Christus sumitur!.“ Das Brot, das auf unseren
Altären gebrochen und uns für unser Pilgersein auf den Straßen
dieser Welt dargeboten wird, ist „panis angelorum“, Brot der
Engel, dem wir uns nur mit der Demut des Hauptmanns im Evangelium
nähern können: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst
unter mein Dach“ (Mt 8, 8; Lk 7, 6).
49. In Übereinstimmung
mit diesem erhabenen Sinn des Mysteriums versteht man, wie der
Glaube der Kirche an das eucharistische Mysterium in der
Geschichte nicht nur durch das Verlangen nach einer inneren
Haltung der Ehrfurcht zum Ausdruck gekommen ist, sondern auch
durch eine Reihe äußerer Ausdrucksformen, welche die Größe des
gefeierten Ereignisses herausstellen und unterstreichen wollen. So
kam es zu einer Entwicklung, die Schritt für Schritt dazu führte,
ein spezielles Regelwerk für die eucharistische Liturgie zu
erstellen, unter Achtung der verschiedenen kirchlichen
Traditionen, die rechtmäßig entstanden waren. Auf dieser Basis
entfaltete sich auch ein reiches künstlerisches Erbe. Dem
christlichen Mysterium zugewandt, haben die Architektur, die
Bildhauerei, die Malerei und die Musik in der Eucharistie direkt
oder indirekt ein Motiv großer Inspiration gefunden.
In der Architektur
zum Beispiel gab es, sobald es der geschichtliche Kontext zuließ,
den Übergang von den anfänglichen Eucharistiestätten, die sich
in den Häusern („domus“) christlicher Familien befanden, zu
den prunkvollen Basiliken der ersten Jahrhunderte, dann zu den
imposanten Kathedralen des Mittelalters und schließlich zu den
großen oder kleinen Kirchen, die nach und nach die vom
Christentum erreichten Länder übersäten. Die Formen der Altäre
und der Tabernakel haben sich in den Räumen der liturgischen
Hallen fortentwickelt, wobei sie nicht nur den jeweiligen künstlerischen
Eingebungen, sondern auch den Vorgaben folgten, die aus einem
genauen Verständnis des Mysteriums stammten. Dasselbe kann man über
die sakrale Musik sagen, wenn man nur an die herrlichen
gregorianischen Melodien oder an die vielen und oft großen
Komponisten denkt, die sich von den liturgischen Texten der
heiligen Messe herausfordern ließen. Und zeigt sich im Bereich
der Geräte und Paramente, die für die Eucharistiefeier verwendet
werden, nicht eine gewaltige Anzahl künstlerischer Werke,
angefangen bei den Arbeiten guter Handwerker bis hin zu echten
Kunstwerken?
Man kann also
sagen, dass die Eucharistie, die der Kirche und der Frömmigkeit
Form und Gestalt gab, auch die „Kultur“ stark geprägt hat,
besonders auf dem Gebiet der Ästhetik.
50. In diesem Bemühen
um die Anbetung des Mysteriums in seiner rituellen und ästhetischen
Umsetzung haben die Christen des Westens und des Ostens gewissermaßen
„gewetteifert.“ Wie sollte man dem Herrn nicht besonders für
den Beitrag danken, den die großen Werke der Architektur und der
Malerei der griechisch-byzantinischen Tradition oder des gesamten
slawischen Raumes und Kulturkreises der christlichen Kunst
geschenkt haben? Im Osten hat die sakrale Kunst einen einzigartig
starken Sinn für das Mysterium bewahrt und spornt die Künstler
an, ihren Eifer im Schaffen des Schönen nicht nur als Ausdruck
ihrer Gaben zu sehen, sondern auch als echten Dienst am Glauben.
Sie haben es verstanden, weit über die bloßen technischen
Fertigkeiten hinauszugehen und sich dem Wehen des Geistes Gottes
folgsam zu öffnen.
Die Pracht der
Bauwerke und der Mosaike im Osten und im christlichen Westen ist
ein Erbe aller Gläubigen und trägt in sich den Wunsch, und ich möchte
sagen das Unterpfand, zur ersehnten vollen Gemeinschaft im Glauben
und in der Feier zu gelangen. Wie auf dem berühmten Gemälde der
Dreifaltigkeit von Rublëv bedeutet und verlangt dies eine
zutiefst „eucharistische“ Kirche, in der die Teilhabe am
Mysterium Christi im gebrochenen Brot gleichsam in die
unbegreifliche Einheit der drei göttlichen Personen
hineingenommen ist, so dass die Kirche selbst eine „Ikone“ der
Dreifaltigkeit wird.
Diese Sicht einer
Kunst, die darauf ausgerichtet ist, in allen ihren Elementen die
Bedeutung der Eucharistie nach der Lehre der Kirche auszudrücken,
macht es notwendig, den Regeln für den Bau und die Einrichtung
sakraler Gebäude volle Aufmerksamkeit zu schenken. Groß ist der
kreative Freiraum, den die Kirche den Künstlern immer gelassen
hat, wie die Geschichte zeigt und wie ich selbst in meinem Brief
an die Künstler unterstrichen habe. (100) Die sakrale Kunst muss
sich jedoch durch die Fähigkeit auszeichnen, das Mysterium
angemessen zum Ausdruck zu bringen, und zwar in Übereinstimmung
mit dem ganzen Glauben der Kirche und gemäß den pastoralen
Weisungen, die von der zuständigen Autorität erlassen werden.
Dasselbe gilt auch für die bildenden Künste und für die
Kirchenmusik
51. Was in den Ländern
der frühen Christianisierung im Bereich der sakralen Kunst und
der liturgischen Ordnung geschehen ist, findet nun seine
Fortentwicklung auch in den Kontinenten des jungen Christentums.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Hinblick auf die Forderung
nach einer gesunden und notwendigen „Inkulturation“
Orientierung gegeben. Auf meinen zahlreichen Pastoralbesuchen
konnte ich in allen Teilen der Welt beobachten, zu welch großer
Lebendigkeit die Eucharistiefeier im Kontakt mit den Formen, den
Stilrichtungen und den Empfindungen der unterschiedlichen Kulturen
fähig ist. Durch die Anpassung an die sich verändernden
Bedingungen von Zeit und Raum bietet die Eucharistie nicht nur den
Einzelnen, sondern den Völkern selbst Nahrung und formt Kulturen,
die christlich geprägt sind.
Es ist jedoch
notwendig, dass sich diese wichtige Aufgabe der Anpassung immer im
Bewusstsein des unaussprechlichen Mysteriums vollzieht, an dem
jede Generation Maß nehmen muss. Der „Schatz“ ist zu groß
und zu kostbar, um seine Verarmung zu riskieren oder ihm durch
Experimente oder Praktiken zu schaden, die ohne eine sorgsame Prüfung
durch die zuständigen kirchlichen Autoritäten eingeführt
wurden. Die zentrale Stellung des eucharistischen Mysteriums
verlangt überdies, dass diese Prüfung in enger Verbindung mit
dem Heiligen Stuhl geschieht. Wie ich im Nachsynodalen
Apostolischen Schreiben Ecclesia in Asia ausgeführt habe, „ist
eine solche Zusammenarbeit von wesentlicher Bedeutung, weil die
Liturgie durch ihre Feier den einzigen von allen bekannten Glauben
zum Ausdruck bringt, und da sie Erbe der ganzen Kirche ist, kann
sie nicht durch von der Gesamtkirche isolierte Ortskirchen
bestimmt werden.“ (101)
52. Aus dem
Gesagten wird die große Verantwortung vor allem der Priester
verständlich, denen es zukommt, der Eucharistiefeier in persona
Christi vorzustehen. Sie sichern ein Zeugnis und einen
Gemeinschaftsdienst nicht nur für die unmittelbar an der Feier
teilnehmende Gemeinde, sondern auch für die Gesamtkirche, die mit
der Eucharistie immer in Beziehung steht. Leider ist zu beklagen,
dass es – vor allem seit den Jahren der nachkonziliaren
Liturgiereform – infolge einer falsch verstandenen Auffassung
von Kreativit